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So groß ist Chinas Vorsprung in der E-Mobilität

Die deutsche Autoindustrie träumt noch davon, während in China die Gigawatts schon vom Band laufen. In den Fabriken der Zukunft, die es in Europa gar nicht gibt.

Vor ein paar Jahren noch war hier nichts, nur eine Brache im Süden Chinas, gleich an der Grenze zur ehemaligen Kronkolonie Hongkong. Heute steht hier eines der modernsten Batteriewerke des Landes. Es ist ein Vorposten im Kampf um die Vorherrschaft in jener Branche, die für Deutschland am wichtigsten ist: die Autoindustrie. Gebaut wurde die Fabrik vor vier Jahren von BYD. Das steht für Build Your Dreams. Zwei Cousins gründeten 1995 das Unternehmen in Shenzhen, sie fertigten Batterien für Handys, nach fünf Jahren war Motorola ihr Kunde, später dann auch Nokia, fast ein Viertel der Akkus stammte aus den Werken von BYD. Während Nokia in der Versenkung verschwand, ist die Zukunft von BYD gerade erst angebrochen. Aus der Hinterhoffertigung ist einer der wichtigsten Spieler im Rennen um die Elektromobilität geworden.

Es ist eine Milliardenwette. Und Chinas Regierung will sie unbedingt gewinnen. Bevor man die Produktion betreten darf, wird die Kamera am Smartphone abgeklebt. Die Angst vor Industriespionage ist längst in China angekommen. Niemand soll wissen, in welchem Verhältnis Nickel, Lithium, Kobalt und Magnesium gemengt werden. Jeder Hersteller hat seine eigene Mixtur. In großen Kesseln werden die Metalle vereint, wie in einer Brauerei sieht es aus. Dann wird das Gemisch gewalzt, gehärtet, geschnitten und gewrungen. Alles vollautomatisiert.

Bislang verbaut BYD die Batterien vor allem in eigenen Fahrzeugen, mit anderen Herstellern ist das Unternehmen aber im Austausch. Die potenziellen Geschäftspartner sind genauso geheim wie die Akku-Rezeptur. Wer durch die langen Gänge der Fabrik geht und alle zehn Meter eine Topfpflanze passiert, kann zufällig einen Hinweis bekommen: Hinter einer Abbiegung wird auf einmal Schwedisch gesprochen. Volvo-Manager schlendern durch die Produktion. In Europa könnten sie sich eine solche Batteriefabrik nicht anschauen. Es gibt schlicht keine. Die Konzerne, auch die deutschen, scheuen die Kosten.

 

Chinas E-Förderung ist kein Umweltschutz. Sie ist knallharte Industriepolitik

In Shenzhen geht es dagegen schon zur Sache. 48 Arbeiter in zwei Schichten überwachen nur noch die Anlagen. 100 000 Batteriezellen fertigt BYD täglich. Aus 90 Zellen wird dann ein Akku, der 650 Kilogramm wiegt. Vier Tage dauert die Produktion, danach wird getestet. Beladen, entladen, mehrere Zyklen. Keine defekte Batterie soll das Werk nach knapp einem Monat verlassen. Der beste Abnehmer von BYD ist die Stadtregierung von Shenzhen. Inzwischen fahren alle 16 000 Busse elektrisch. Lediglich 200 Dieselfahrzeuge stehen als Reserve bereit. Ende dieses Jahres sind dann die Taxis dran, die Mehrzahl ist schon umgerüstet. Das ist aber nur Anfang.

2025 sollen in der Volksrepublik ein Fünftel aller verkauften Fahrzeuge elektrisch fahren. Millionen Autos, Busse, Lastwagen. Um die Umwelt geht es nur zum Schein. Peking hat eingesehen, dass trotz Dutzender staatlich verordneter Joint Ventures chinesische Firmen beim Verbrennungsmotor technisch nicht aufgeschlossen haben. Audi, BMW und Daimler liegen hier vorne und eben nicht Geely, Chery oder Brilliance. Elektrofahrzeuge aber brauchen keinen Verbrennungsmotor mehr, der von Öl und Treibstoff durchflossen wird, auf dass die Brennkammern effizient die Kolben in Bewegung setzen. Die bislang mechanisch kompliziertesten Teile werden im Elektroauto nicht mehr benötigt.

Das ist die große Chance für China, Weltmarktführer zu werden. Und das nicht nur in der Elektromobilität, denn die Autoindustrie steht auch vor einem zweiten großen Umbruch: dem autonomen Fahren. Die Führung in Peking hat sich fest vorgenommen, mit Geld und Gesetzen einzugreifen. Die Standards für die Autos der Zukunft sollen chinesisch sein.

Eine Blaupause gibt es dafür bereits. Sie heißt "Made in China 2025" und ist die wahrscheinlich ehrgeizigste industriepolitische Strategie der Welt. In zehn Branchen sollen Unternehmen aus der Volksrepublik bald zur Weltspitze gehören. Unter anderem in der Medizintechnik, im Flugzeugbau, in der Chipindustrie - und in der Elektromobilität. Der Staat hilft, indem er die Forschung großzügig fördert. Entwicklungsbanken und extra eingerichtete Fonds versorgen Firmen der ausgewählten Branchen mit günstigen Krediten.

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