Warum China am Arabischen Meer einen Hafen baut

Mit gigantischem Aufwand baut China in Pakistan einen Hafen für Containerschiffe und Öltanker. Das Projekt soll Chinas westliche Regionen ins Industriezeitalter katapultieren. Die aufstrebende Weltmacht erhält eine strategische Basis am Arabischen Meer - und Pakistan freut sich auf millionenschwere Transiteinnahmen.

Die Fischer von Gwadar führten bisher ein karges, isoliertes Leben, für das sich kaum jemand interessierte. Es gab keine Straße, die zu der Halbinsel an der Küste von Belutschistan hinführte. Meist legten nur arabische Schnellsegler aus Holz dort an - mit Autoreifen und Kühlschränken als Fracht, die für das riesenhafte Hinterland Belutschistans bestimmt war.

Im Gegenzug nahmen die schnittigen Schiffe den frischen Fang der Fischer mit an Bord: Hummer, Krabben und Riesengarnelen - und manchmal auch einen besonderen Stoff: Haschisch in großen Baumwollsäcken, die von Kamelkarawanen durch die Wüsten von Belutschistan nach Gwadar befördert wurden.

Mit der Abgeschiedenheit des Fischerdorfs, das sich in einer Bucht am Rand eines Tafelbergs befindet, ist es jedoch bald vorbei: Vom 460 Kilometer entfernten Karatschi ist ein Highway am Arabischen Meer entlang zur Halbinsel von Gwadar gebaut worden. Hohe Besucher werden dort im Januar zu einer Zeremonie erwartet, die das Fischerdorf jäh ins 21. Jahrhundert katapultieren soll.Belutschistan, das zur Hauptsache aus fast menschenleeren Wüsten besteht, entspricht damit fast derjenigen Deutschlands (357.027 Quadratkilometer).

Wälder von Bambusgerüsten und Gebirge von Baustahl

Begleitet wird Musharraf von keinem Geringeren als Wen Jiabao, dem Premierminister Chinas. Am Ostufer der Halbinsel will der Gast aus Peking einen neuen Hafen inspizieren und eröffnen, erbaut unter der Anleitung von 500 chinesischen Technikern und Ingenieuren. Das Tempo des Hafenbaus verlief nach chinesischem Muster gleichsam auf der Überholspur - als Sturzprogramm, das gerade Mal im März 2002 begann.

So sehr lag den Chinesen an einem raschen Gelingen des Projekts, dass der Hafen drei Monate früher als geplant den Betrieb aufnimmt. Ganze Wälder von Bambusgerüsten sind inzwischen abgebaut, die eine Flotte von Küstenfrachtern nach Gwadar brachte, zusammen mit Gebirgen von Baustahl, 200 Bulldozern und kolossalen Mengen von Zement.

Das aber war nur die erste Bau-Etappe, die drei Piers mit einer Länge von je 602 Metern umfasst. Ein zweiter, ungleich größerer Abschnitt sieht neun Anlegeplätze vor, darunter ein Container-Terminal. Richtig geklotzt aber wird mit zwei Terminals für Öltanker, Tankfarmen und dazu einer Raffinerie, die mit den Terminals durch eine unterirdische Pipeline verbunden werden soll. Bisher hat China in den Hafen nahe der Grenze zum Iran 198 Millionen US-Dollar investiert. Für den weiteren Ausbau ist der erkleckliche Teil eines Kredits in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar vorgesehen, mit dem zudem chinesische Fregatten für die Marine Pakistans beschafft werden sollen.

Arme Kleinwelten aus Lehm

All das wird im heißen Belutschistan, in dem nur 6,5 Millionen Menschen leben, kaum dringend gebraucht. Wasser wäre wichtiger, denn der Grundwasserspiegel sinkt nach einer langen Dürrezeit bedrohlich ab. Viele Brunnen sind ausgetrocknet, und Viehsterben ist die Folge. Die weit zerstreut liegenden Dörfer bilden arme Kleinwelten aus Lehm - mit Lehmgebäuden, Lehmmauern und Festungen aus Lehm. Aufsässige Stammesführer bestimmen hier den Gang der Dinge: Nawab (Fürsten), Sardar (Gebieter) und Tumandar, so genannte Kommandanten, deren Mächtigste gleich alle Titel tragen.

Eigentlich war die Küste Belutschistans bis heute nur Schrotthändlern bekannt, die sich auf Schiffsstahl spezialisieren. Denn auf den einst bildschönen Sandstränden östlich von Gwadar werden seit Jahren rostige Tankerveteranen angelandet und zerlegt. Die Küste ist dort stellenweise schwarz wegen des Bunkeröls der Wracks. Feuer und Explosionen sind auf den Verschrottungsplätzen alltägliche Ereignisse. Asbest liegt umher; giftiges Ballastwasser verseucht den Sand. Zuletzt hat man in dem militärischen Sperrgebiet die "Sea Giant" abgewrackt, einen 555.051-Tonnen-Tanker.

Nun soll bei Gwadar eine neue Stadt entstehen, inklusive eines Flughafens, einer Meerwasserentsalzungsanlage und mehrere Fünf-Sterne-Hotels, verspricht eine Gwadar-Entwicklungsbehörde anhand eines Master-Plans. Auch ein Golfplatz "von Weltformat" sei vorgesehen, und überhaupt werde die künftige "Mega-City" in wenigen Jahren bereits halb so groß sein wie die Hauptstadt Islamabad. Reiche pakistanische Familien vertrauen solchen Sprüchen und kaufen im rückständigen Gwadar, wo Trinkwasser am Tag nur eine Stunde fließt, Grund und Boden unbesehen.

Der Aufbau von Infrastruktur wird helfen, Pakistans Wirtschaft zu entwickeln

Die Idee eines Booms mit Touristenstädten, Jachthäfen und Themenparks ausgerechnet in Belutschistan beflügelt Ikram Sehgal, den Herausgeber der angesehenen Zeitung "The Nation". Pakistan besitze dort eine "Goldküste" wie jene von Dubai am Persischen Golf, fabuliert Sehgal. Nur Regierungsbeamte "mit den Scheuklappen von Mauleseln" hätten in der Vergangenheit das Potenzial dort übersehen.


Ausweichen vor der energiehungrigen USA

Ein Hafen am Arabischen Meer ist weit genug vom politisch labilen Golf entfernt, der traditionell eine amerikanische Einflusssphäre darstellt: China verringert mit dem Außenposten in Belutschistan die Gefahr eines Zusammenstoßes mit den nicht minder energiehungrigen USA - und hat von Gwadar aus gleichwohl den Blick auf die Straße von Hormus, das neuralgische Tanker-Nadelöhr an der Einfahrt zu dem Krisenmeer.

Mit mehr als elf Prozent seiner gesamten Importmenge an Öl ist beispielsweise der Oman zu einem Hauptlieferanten Chinas aufgestiegen. Das Sultanat verlädt sein Öl praktischerweise an der Küste zum Arabischen Meer und meidet so die Straße von Hormus, in der während des Kriegs zwischen dem Irak und Iran beide Seiten Jagd auf Tanker machten.

Gwadar bietet China die Möglichkeit, an die neuen Ölstaaten Afrikas andocken zu können. Peking hat Lieferabkommen mit aufstrebenden Öl-Ländern wie Äquatorialguinea, Kamerun, Gabun und Angola abgeschlossen - und es bedient sich seit längerem im Sudan. Dessen Verladeplatz befindet sich mit dem Ölhafen Port Sudan am Roten Meer und damit gleichfalls in sicherer Distanz zum Persischen Golf, dem Kriegslärm im Irak und Saudi-Arabiens, eines unsicher werdenden Lieferanten.

Allwetter-Freundschaft mit Pakistan

Von Port Sudan aus ist Gwadar hingegen leicht erreichbar - wie in einem Puzzle, das die Strategie Pekings abbildet. Chinesische Arbeiter verlegten auch schon die Pipeline vom Ölgebiet des Weißen Nil nach Port Sudan, und aktuell betrachtet China die Konflikte in den Krisenregionen des Sudan nur als lästige Verirrung. Als im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Sanktionen gegen den Sudan beschlossen werden sollten, drohte Peking zunächst mit einem Veto und enthielt sich am Ende der Stimme - zusammen sinnigerweise mit Pakistan und dem Öl-Land Algerien, das Chinas Staatschef Hu Jintao Anfang dieses Jahres besuchte.

 

Der Korridor wird die Transportzeit für Waren vom Hafen Gwadar nach Westchina um 60 oder 70 Prozent reduzieren


Selbst die Tanker-Piers des Tiefwasserhafens von Gwadar sind auf die Absicht Pekings zugeschnitten, sich vom Golf so weit wie möglich abzukoppeln. Die Anlegeplätze sind nämlich nicht auf ultragroße Tanker, sondern auf Schiffe bis zu 200.000 Tonnen ausgelegt, die auch in den kleineren Ölstaaten beladbar sind.

Peking sieht sich nun für die zwischen beiden Ländern oft beschworene Allwetter-Freundschaft mit Pakistan belohnt, die in den sechziger Jahren eingeleitet wurde. Pakistan hatte damals aus freien Stücken Gebirgstäler nördlich des Achttausenders K 2 an China abgetreten, was dessen Ministerpräsident Zhou Enlai mit dem Bau des Karakorum Highway belohnte, der sich von der Grenze bis in die Nähe von Islamabad erstreckt. Die Highway-Böschung stellt zugleich eine fast perfekte Pipeline-Piste dar, vorbei am Fuß des Berggiganten Rakaposhi (7788 Meter) und hinauf zum berühmten Khunjerab-Grenzpass. Von dort ginge es mühelos hinunter in die ehemalige Basarstadt Kaschgar in Xinjiang, die heute eine Industriezentrale ist und mit ihren Hochhäusern wie Shenzhen und Shanghai aussieht.

Chinesische Unternehmen sind auch für die Entwicklung der Sonderwirtschaftszone Gwadar neben dem Hafen verantwortlich

Einnahmen von Hunderten Millionen Dollar

Dank Gwadar hat China erreicht, was einst der sowjetischen Parteiführung in Moskau vorschwebte: der Besitz eines Warmwasserhafens am strategisch wichtigen Arabischen Meer. Die Idee reichte bis in die Zarenzeit zurück, endete aber mit der Invasion Afghanistans und damit einer Katastrophe, die noch heute nachwirkt. Auch die Taliban waren mit dem Projekt einer Gaspipeline nach Gwadar gescheitert: Als die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright den sinistren Charakter der selbsternannten Gotteskrieger erkannte, untersagte sie dem kalifornischen Konzern Unocal, das Vorhaben zu realisieren.


Nun verspricht sich die Regierung in Islamabad von einer Pipeline nach Xinjiang Transiteinnahmen im Wert von Hunderten von Millionen Dollar. Und auch der Bau einer Gaspipeline wird wieder erwogen - jedenfalls vom pakistanischen Premierminister Shaukat Aziz. Der hatte Anfang Oktober in  Duschanbe, der Hauptstadt des nördlichen Nachbarn Tadschikistan, den Bau einer solchen Verbindung vorgeschlagen - mit einer Stichleitung durch den schmalen Wakhan-Korridor im äußersten Nordosten von Afghanistan.

Das größte Problem ist freilich das mittelalterliche Wüsten-Hinterland Belutschistans. Die dortigen Fürsten und Gebieter fürchten eine Modernisierung: Das neue Gwadar könnte ihrer Machtfülle den Garaus machen und Fremde in die Provinz locken.

Anschläge auf Strommasten und Transformatoren-Stationen geschehen deshalb immer öfter - und desgleichen Angriffe auf Pipelines, die schon verlegt worden sind. Denn auch Belutschistan besitzt große Rohstofflager, unter ihnen Kupfererz, Silber und einen Hort von 765 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

Im Mai 2004 kamen drei chinesische Ingenieure durch eine Autobombe ums Leben, als sie nach Gwadar zur Arbeit fuhren. Die Bombe explodierte auf dem Stammesgebiet der Baluch, die von Anfang gegen den Bau eines Hafens waren. Um die Baluch zu beschwichtigen, sind im Master-Plan auch Schulen und ein Hospital erwähnt. Und dazu ein Luxus der besonderen Art: der Bau einer Eisfabrik.